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› Zuweilen komme ich immer mal wieder ins Grübeln…
24.06.2019 … ob das alle noch Sinn macht, was wir „Fachjournalisten“ da so anstellen im Tagesgeschäft. Besonders aufgeregt findet der Wettbewerb um die „Exklusivität“ der Meldungen statt. Wobei ich der Ansicht bin, dem Leser ist es gemeinhin völlig egal, wo er irgendeine Neuigkeit zuerst gelesen hat. Mir selbst geht es im „richtigen“ Leben nicht anders. Mich interessiert überhaupt nicht, wer eine angebliche Sensationsmeldung zu erst in die Welt geblasen hat. Spiegel, Zeit, FAZ, die Welt, irgendein Radio/Fernsehsender oder, oft genug, die BILD. In der Regel liegen ohnehin alle gleichauf, was die Geschwindigkeit der Nachrichtenverbreitung angeht.

Wichtiger ist eigentlich die Folgeberichterstattung. Die Hintergründe. Was steckt dahinter? Wie kam es zu dieser Entwicklung? Was könnte daraus werden? Ein Scoop fällt einem nicht jeden Tag in den Schoß. Es ist zum Beispiel lange her, dass mir mal so etwas, wie ein Scoop gelungen ist.

Der Ausdruck Scoop (englisch to scoop, „ausschöpfen, abräumen“; in der Schweiz: Primeur) bezeichnet laut Wikipedia „in der Sprache der Medienschaffenden eine exklusive Meldung, die ein Medium früher als andere Medien verbreitet“.

Scoops sind dementsprechend das Ergebnis eigener Recherchen oder resultieren aus den Tipps von Informanten. Scoops steigern das Ansehen eines Mediums, da andere Medien – so sie denn die Nachricht ebenfalls verbreiten möchten – sich aufgrund der Exklusivität notgedrungen auf die zuerst veröffentlichte Meldung und das verbreitende Medium beziehen müssen.

Mein Scoop war die Schieder Story, die im Jahr 2005 für Aufregung sorgte. „Der Riese wankt“ hieß die Titelzeile in der HartDran Ausgabe 170. Kernaussage: Der Schieder Konzern war schon damals zwei Jahre vor der Insolvenz, hoffnungslos überschuldet.

Unter den Fachpresse-Kollegen waren die Reaktionen damals unterschiedlich. Die einen vermittelten wohlwollenden Respekt, die anderen bissen sich vor Wut die Nägel runter und versuchten, Fakten zu widerlegen, die zwei Jahre später traurige Gewissheit werden sollten.

Schnee von gestern. Fast 15 Jahre her. Warum ich darauf komme? Es kommt sehr selten vor, dass jemand eine Nachricht wirklich „exklusiv“ hat. Meistens ist so ein Thema schon durch, bevor es in der Zeitung steht. Und dann legen alle auf einmal los. Und keiner interessiert sich mehr ernsthaft für die gleichlautenden „Exklusivmeldungen“.

Dieses Dilemma versuchen einige, wenige Experten unter den Fachjournalisten immer mal wieder durch selbst inszenierte Sensationen aufzulösen. Da muss dann der „Flurfunk“ herhalten, um ein Gerücht auf den Sockel zu heben. „Insider wollen gehört haben“ ist auch so eine Formulierung, mittels der immer mal wieder ein Stein in den Teich geworfen wird, um irgendeinen Blödsinn öffentlich zu machen.

Standard-Gerücht ist aktuell die Nachricht „XXXLutz übernimmt XYZ“. Fast jede Woche bekomme ich einen neuen Namen auf den Tisch, der demnächst eingegliedert werden soll ins Reich des österreichischen Möbel-Filialisten. Nicht immer, aber immer öfter frage ich dann nach beim „Möbelriesen“ Dr. Andreas Seifert und hole mir fast immer ein Dementi ab.

„Wenn das so weitergeht“, so Seifert unlängst leicht genervt, „glaube ich, dass Ihre Informanten Gerüchte erfinden, um sich zu gewissen Themen schlau zu machen.“

Man kann es auch anders sehen. Wer zu dumm oder zu faul ist ernsthaft zu recherchieren, wenn er mal wieder „Thrilling News“ im Köcher hat, der ballert eben zehnmal in die Luft in der Hoffnung zufällig doch mal einen Treffer zu landen.

Fazit: Nicht immer gleich alles für bare Münze nehmen, was so durch den Flurfunk wabert. Morgen ist auch noch ein Tag.

Ihr Ralf Hartmann
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